Rheinpfalz vom 22.01.2007
Gerd Kowa
Gewöhnliche Ohren sträuben sich gerne gegen zeitgenössische Musik, weil sie so schräg klingt und nicht gemütlich. Auch alte Musik hat es bei Besuchern traditioneller Kammerkonzerte nicht leicht, besonders wenn sie auf historischen Instrumenten gespielt wird.
Im Konzertsaal der Naturhorn Akademie in Ungstein, wo man Stücke von Mozart, Danzi und
Beethoven genießen konnte, wurden Verächter der klassischen Instrumente zu Bewunderern.
Der Argwohn gegenüber historischen Klängen hat Gründe. Nicht wenige musikalische
Postkutschenapostel lieben die Maskerade. Sie tragen gerne Trachten aus Urväter Hausrat.
Sie haben so etwas Ökomäßiges im Blut und am Körper. Darmbesaitete Streichinstrumente
klingen manchmal ein wenig engbrüstig. Holzblasinstrumente wie die Oboe oder die
Klarinette mit wenigen oder gar keinen Klappen neigen gerne zum Quietschen und Kreischen.
Und Blechblasinstrumente, oh je, brummen einigermaßen doppeldeutig, "gicksen" und hören
sich im Pulk an wie Feuerwehrkapellen in Hinteroberfuchsenbach.
Für solche etwas verwirrenden Klänge sollte man nicht die Instrumente verantwortlich
machen, sondern Instrumentalisten, die nach dem 5o. Probespiel keine Orchesterstellen
bekommen haben. Sie bedienen Krummhörner oder Gamben und gehen historisch verkleidet und verstimmt auf die Menschheit los. Sowohl im Bereich der
zeitgenössischen als auch der alten Musik können nur Musiker überzeugen, die eine
wissenschaftlich fundierte, oft langwierige Spezialausbildung hinter sich haben.
In Ungstein
trafen sich virtuose Meister der historischen Instrumente und der alten Musik. Sie spielten
auf Instrumenten der so genannten klassischen Epoche. So viel Sensibilität, Intimität, Klugheit und Schönheit wie diesmal hört man selten.
Wilhelm Bruns, Hausherr und Gründer der Naturhorn Akademie und erste Hornist des
Orchesters des Mannheiiner Nationaltheaterorchesters, duldet keinen Dilettantismus. Er
fühlt sich den Komponisten und deren Erfindungen verpflichtet. Im Es-Dur Quintett KV 452
für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott widmete der ungnädige und erbarmungslose Mozart dem Horn heikle,
heimtückische Passagen. Für Bruns, einen ehemahgen Schüler des weltbekannten Hermann
Bauman und republikweit gefragten Solisten und Kammermusiker, sind sie unproblematisch.
Seine Töne sitzen perfekt und singen.
Die Pianistin Sheila Arnold, die bereits beim Clara-Haskü-Wettbewerb einen prominenten Preis errang, spielte auf einem Hammerflügel. Wer die rezitativisch
anmutenden ersten Takte eines Quintetts von Franz Danzi in sich hinein strömen ließ, die
ausdrucksvollen Progressionen der Töne bewunderte, bemerkte auch, dass die Hände und
Arme der Künstlerin den Geist der Musik nahezu pantomomisch nachvollzogen. Ihr graziler
Anschlag und ihre Sensibiliät für feinste Rückungen und musikalische Charaktere wirkten
faszinierend. Das Instrument klapperte nicht und plapperte nicht. Es deklamierte besinnlich
und ließ erahnen, wie sich Musik entfaltet, wenn sie nicht donnert, sondern, wie in einigen
virtuosen Passagen des Es-Dur Beethoven-Quintetts, im Hintergrund rauscht. Dieses
akkordische Rauschen kündigt bereits die romantischen Begleitstimmen eines Schumann an,
die unter Akrobaten-Pranken mancher Pianisten von heute dem hohlen Rattem ausgeliefert
werden.
Alte Instrumente haben ein individuelles Timbre. Der Eindruck der Homogenität eines
historisch musizierenden Ensembles leitet sich paradoxerweise aus den mitunter etwas
auffähigen Farbton-Kontrasten ab. Das aus dem Jahr 1790 stammende Fagott, das Sergio
Azzolini spielte, der an der Basler Musikhochschule lehrt, inspirierte die von Antje
Thierbach innig gespielte Oboe und die Töne der überragend musikalischen Klarinettistin
Nina Janssen: ganz besonders im Quintett des Danzi. Für Kenner war das Konzert ein großes
Ereignis, für Ahnungslose eine Offenbarung.